Ein Elternbericht – Adolesco

Ein Elternbericht

Niklas’ Mama hat den Austausch sehr intensiv erlebt

Ich bin alleinerziehende Mutter und habe einen 15-jährigen Sohn (Niklas). Gewünscht habe ich ihm immer, dass er einen Schüleraustausch macht. Für einige Zeit woanders zu leben, sich auf andere Menschen einzustellen, nicht zuletzt der Spracherwerb.
Dann das Austauschkind bei uns, ihn kennenzulernen, sich auf ihn einzustellen und viel über sein Leben und seine Kultur zu lernen. Eben unser Leben mit ihm zu teilen.
Das klingt alles vielversprechend, aber mit unserem Status, bzw. meinem Stempel „Alleinerziehend“ bin ich jedoch davon ausgegangen, dass wir nicht so schnell einen Austauschschüler bekommen. Allgemeinhin möchte man doch sein Kind ganz gern in eine Familie hineingeben, in der zwei Erwachsene sind.
Falls es mal so richtig krachen sollte, fehlt vielleicht eine weitere wichtige (erwachsene) Bezugsperson…und außerdem fragt sich sicher der ein oder andere: „Alleinerziehend. Hm…geht denn dort auch alles mit rechten Dingen zu?“

Es hat alles sehr gut geklappt

Aber, um den Schluss mal vorwegzunehmen: Es hat alles sehr gut geklappt. Wir hatten zusammen viel Spaß und es war eine sehr, sehr schöne und auch lernintensive Zeit! Damit meine ich, dass sich alle gut aufeinander eingestellt haben.
Und Quentin, unser Austauschkind, möchte bald wiederkommen (was sicher nicht zuletzt an den Mädchen aus der Schulklasse liegt).
Niklas hat sich um unseren Austauschschüler kümmern müssen – er war schließlich fast den ganzen Tag mit ihm zusammen – und hat somit quasi ein Sozialtraining absolviert, das ihn sehr angestrengt hat – letztendlich hat er unglaublich daran gewonnen!
Falls irgendwas schwierig oder problematisch ist, besteht für die Kinder auch immer die Möglichkeit, mit der Bezugsperson von „adolesco“ Kontakt aufzunehmen. Ich glaube, das allein gibt Sicherheit und nimmt viel Druck aus dem ganzen. Und unter Umständen fühlt man sich nicht so isoliert.
So, zurück zum Anfang:

Niklas in Frankreich

Niklas war zuerst bei Quentin in Frankreich. Fünf Wochen hat er ihn in seinem Alltag begleitet und dank der Gasteltern hatte ich einen guten Einblick darüber, dass er sich auf Familie und Schule gut eingestellt hat. (Niklas selbst hat von vornherein ausgeschlossen, sich bei mir regelmäßig zu melden: „Mama: Anrufen werde ich auf keinen Fall(!) und erst recht nicht skypen!!“
Da ich die Meinung vertrete, dass man sich auf neue Gegebenheiten nur gut einstellen kann, wenn man mit den Gedanken nicht ständig an seiner Heimat hängt, war das für mich jedoch vollkommen in Ordnung: „Okay. Wenn ich von dir nichts höre, gehe ich davon aus, dass es dir gut geht.“
Dass er aber gut in Frankreich gelandet ist und die Familie gefunden hat, sollte er mir zumindest per SMS schreiben – und das hat er auch gemacht.)
Nach den fünf Wochen kam er schon mal sehr ausgewechselt zurück – im positiven Sinn: deutlich aufmerksamer und hilfsbereiter.
Kurzes Beispiel:
Ich: „Hilfst du mir dann mal im Garten?“
Niklas steht auf: „Klar! Jetzt?“
Ich: „?????…Ja! Gerne jetzt!“
Abgesehen von seinen wachsenden Französischkenntnissen hat er so viel erlebt: Land und Leute kennen gelernt, sich auf z.T. vollkommen andere Abläufe und Regeln eingestellt und das alles in einem ihm unvertrauten Land.

Weiter geht’s in Deutschland

Quentin, unser französisches Austauschkind, ist ca. drei Wochen später mit fast keinen Deutschkenntnissen(!) bei uns angekommen. Vor dieser sportlichen Einstellung hatte ich schon mal großen Respekt!
Niklas und er haben aber viel auf Französisch oder Englisch gesprochen, ich blieb eisern bei Deutsch, dann oft mit Händen und Füßen, viel Gestik (verbunden mit viel Lachen) und manchmal mit einem leisen, verzweifelten Flüstern des entsprechenden französischen oder englischen Wortes.
Aber Quentin ist sprachbegabt und hat gleich viel verstanden.
Er hat von sich aus hier und da mitgeholfen den Tisch zu decken und abzuräumen, den Geschirrspüler mit auszuräumen etc., eben diese Kleinigkeiten im Haushalt mitgemacht, die man in den ersten Tagen sowieso thematisiert hätte. Das war schon mal ein guter Start.
In unserem Putzplan hat er sich dann zwei Sachen ausgesucht, die ca. einmal pro Woche (oder aller zwei Wochen, …manchmal auch drei – an den Tagen war immer viel los… ein Termin jagte oft den nächsten) erledigt wurden.

Neue Begeisterung für ein vergessenes Hobby

Am zweiten Wochenende fand ein JazzWorkshop für Jugendliche statt, in den wir Quentin mit seiner Zustimmung (zwei Monate vorher) angemeldet hatten.

Er ging zugegebenermaßen erstmal mit Vorbehalten hin, da er schon seit einiger Zeit keinen Klavierunterricht mehr hatte und sich kurz vor Beginn nun doch Angst und Panik meldeten – kurzzeitig wollte er dann gar nicht mehr hin („??Klavier? Ich? …Nein! Ich spiele kein Klavier! Ich habe schon sehr lange keinen Unterricht mehr!“).
Dabei hatte er doch in Frankreich noch zugestimmt – aber mit gutem Zureden meinerseits („Probier´s doch erstmal. Und wenn´s dir nicht gefällt, hole ich dich eben wieder ab.“) habe ich die zwei schließlich doch zusammen hingefahren.
Im Nachhinein glaube ich, war es die schönste Zeit, die er hier hatte, denn er ist nicht nur über seinen Schatten gesprungen und hat sich dort integriert, er hat darüber hinaus in einer zwanglosen und lockeren Atmosphäre einen freien und kreativen Zugang zur Musik entwickelt. Und das hat ihm richtig Spaß gemacht!
(Am Ende wollte er einem der Dozenten noch hinterherfahren, um sich die noch fehlende Unterschrift für das Poster des Workshops als Erinnerung abzuholen.)
Auch hier zu Hause steht ein Klavier – er hat sich immer häufiger mal drangesetzt und auch mit Niklas oder mir etwas gespielt. Das war klasse und hat mich (und auch seine Eltern, denen ich ab und an ein Video davon zugeschickt habe) sehr gefreut.
In unseren Gospelchor haben wir ihn auch mitgenommen. Viele Lieder werden dort mit Vor- und Nachsingen eingeübt. Da er hier wenig Erfahrung hatte, fiel ihm das etwas schwerer. So hat er dementsprechend bei manchen Liedern nicht mitgesungen, was aber auch vollkommen in Ordnung war.
Die Leute im Chor sind sehr interessiert und offen. Als Franzose wurde er in den Pausen von den anderen häufig angesprochen. Meist auf Englisch. So sah ich ihn fast immer im Gespräch.

Viele Aktivitäten

Ansonsten haben wir unsere Freizeit recht intensiv gestaltet: An einem Tag waren wir in Hamburg, dann im Wattenmeer (das war aber gar nichts für ihn – offensichtlich hat er es trotz unserer Beschreibung zuerst mit einem Strand verwechselt: „Klar, kenn ich – ich bin darin geboren!“. Dann jedoch die Erkenntnis als er im Watt war: „?Häh? Ääähiiiih…nein…das ist nichts für mich!“ Und draußen war und blieb er!).
Für vier Tage sind die zwei allein nach Hannover zu meinen Verwandten gefahren – in der Schule war frei, weil die Abiturprüfungen durchgeführt wurden – und dort war gerade die „Fête de la Musique“: 1200 Musiker auf 40 Bühnen in der Stadt verteilt. Zum Teil mit der Möglichkeit, mitzumachen. Voll gut!

Und bei uns sind wir schwimmen gegangen, wir waren Fahrradfahren, einmal beim „Laser tag“ und Quentin hat im ortsansässigen Sportverein Tennis gespielt. Ich fand es wichtig, dass er hier mal etwas komplett ohne Niklas und mich machen konnte, sein eigenes „Ding“ eben. Er kam immer sehr geschafft und glücklich von dort zurück.

In der Schule

In der Schule hat Quentin viele neue Kontakte gefunden, und nicht nur einmal haben sich Niklas und er nach der Schule mit einigen Freunden getroffen. Sie waren auch zu Geburtstagsfeiern eingeladen, aber an ein paar Wochenenden haben sie sich auch einfach so verabredet – meistens zu Filmabenden.
Im Unterricht selbst war er voll mit eingebunden: Nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich wurde er gefordert.
Ich fand es toll, dass die Lehrer auf ihn eingegangen sind – letztendlich für sie ein Schüler mehr, der differenziert behandelt werden musste, was zusätzliche Arbeit bedeutet. Vielen Dank an dieser Stelle!
Die Atmosphäre in der Klasse ist besonders gut, und Quentin hat das sehr bewusst wahrgenommen. Nach seinen 10 Wochen bei uns fiel ihm der Abschied von den neuen Freunden besonders schwer. Er hat bei uns eine Abschiedsfeier gegeben und es gab Fondue (Fleisch- und Käsefondue) in unserem Garten. 10 Leute waren da und ich gehe mal davon aus, dass nicht nur in unserem Dorf alle mitbekommen haben, dass in unserem Garten gefeiert wurde (Lachen, Kreischen…).
Am Ende des Essens wurde der Esstisch zur Tischtennisplatte umfunktioniert. Eine fröhliche Gesellschaft, die nachher noch einen Nachtisch gemacht hat („Schneegestöber“).

Ein Fazit

Insgesamt war es eine richtig gute Zeit! Ich war im regelmäßigen Austausch mit unserer Begleiterin von „adolesco“. Mit ihr hat es von Anfang an gut gepasst, ich habe mich gut beraten und auch unterstützt gefühlt. Zu wissen, dass sie für Niklas genauso da war, fand ich gut. Für den Fall eines Notfalls war das beruhigend für mich. Und sei es nur, dass er ihr schreiben konnte, ob es insgesamt gut passt oder hier und da etwas kriselt. (Ist nicht vorgekommen, aber das weiß man ja vorher nicht.) Regelmäßig habe ich ihr geschrieben, wie es bei uns ist. Niklas musste Quentin besonders am Anfang sozusagen „an der Hand nehmen“. Das hat ihn in mehreren Situationen richtig angestrengt.

Hier ein Beispiel: Der Schulbus hatte Verspätung und mit den 10 Minuten, die sie laufen mussten, wurde die Zeit zum Beginn der ersten Stunde sehr knapp. Niklas wollte losrennen, Quentin aber vertrat die Meinung, dass er ja schuldlos an dieser Verspätung sei und er es gar nicht einsehe, jetzt loszurennen. Niklas fühlte sich nun hin- und hergerissen, wollte keinen Ärger, mochte Quentin aber auch nicht zurücklassen. Später in der Reflexion hat die Auseinandersetzung mit solchen Herausforderungen Niklas und mich nochmal richtig zusammengeschweißt. Dafür bin ich besonders dankbar. Sind doch Jugendliche im Alter von 15 …allgemeinhin… naja… mitunter etwas …unentspannt. Aber sein Blickwinkel für viele Situationen wurde verändert und letztendlich sehr bereichert. Niklas selbst ist bewusst geworden, dass er gelernt hat, deutlich mehr Verantwortung für andere zu übernehmen. Er hat auch als positiv bewertet, dass der Tagesablauf insgesamt geregelter war: In Frankreich wird immer zusammen gegessen – dafür nur dreimal pro Tag. Diese Regel haben wir hier gern übernommen. Zurückblickend hat der gesamte Austausch richtig guten Wind in unseren Alltag gebracht und ich bin sehr froh, dass wir daran teilgenommen haben! Der Kontakt zur Familie in Frankreich besteht und wir freuen uns, wenn Quentin noch einmal herkommt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.